1/2018

Peter Hogenkamp über das Paradoxon der Wahlfreiheit und die Angst, etwas zu verpassen

Als er 2010 von der NZZ zum neuen Chef Digitale Medien berufen wurde, ging ein Raunen durch die Schweizer Medienszene: Der Startup-Gründer Dr. Peter Hogenkamp (Zeix AG, Usability-Agentur und Blogwerk AG, Content-Marketing-Pionier) hatte sich als progressiver Digitalisierungsenthusiast bereits weit über Zürich hinaus einen Namen gemacht. Beim Traditionstitel baute er die Schiene der elektronischen Distribution aus und zog im Auftrag der Geschäftsleitung eine der ersten funktionierenden Paywalls der Schweizer Medienlandschaft hoch. 2013 gab er seinem Drang nach mehr Tempo nach und verliess die NZZ in Richtung Unternehmertum: Heute baut er als Mehrheitsaktionär und CEO seines dritten Startups, der Scope Content AG, neue Modelle für den Journalismus des Informationszeitalters.

Sie leben die Digitalisierung. Die bedeutet vor allem viele neue Möglichkeiten – gleichzeitig heisst es überall, Unternehmen und Arbeitnehmer müssten sich spezialisieren. Ein Widerspruch?

Nicht wirklich, denn die Vielfalt beruht auf der Arbeitsteilung. Das Tolle am Internet, an der Cloud und generell an der digitalen Welt ist doch die Atomisierung der Prozesse: Sie werden auf viele Player verteilt. In meinem derzeitigen Unternehmen, der Scope Content AG, haben wir anfangs versucht, selber die Software für die Indizierung von Internetquellen zu programmieren: Das ist ein extrem aufwendiges Unterfangen. Heute kaufen wir den Vorgang als Dienstleistung von einer israelischen Spezialfirma ein. Für 99 Dollar im Monat. Ich kann unglaublich viele Leistungen und Arbeitsschritte zukaufen, die ich früher selber machen musste. Und um ehrlich zu sein, ich würde gerne noch mehr davon kaufen: die Erledigung meiner Spesenabrechnung zum Beispiel. Ich gewänne dadurch Zeit für Dinge, die ich besser kann.

Sie haben bisher drei Startups geführt. Wie wichtig ist Vielfalt im Unternehmertum?

Ich finde: Sehr, und man muss sich immer aktiv darum bemühen, denn Vielfalt kommt nicht von selber. Bei Scope hatten wir anfangs keine einzige Frau, und inzwischen wissen wir, dass uns deren Perspektive gefehlt hat. Egal, wie bewusst wir uns dessen sind, wir alle neigen dazu, uns in der eigenen Filterbubble zu suchen.

Sie beschäftigen sich mit der Kuratierung spezialisierter Inhalte aus dem Nachrichtenstrom. Das ist die Rückführung der Vielfalt auf eine kleine Auswahl.

Es gibt das Auswahlparadoxon, gemäss dem wir Menschen uns immer möglichst viele Optionen wünschen, dann aber damit überfordert sind. Eine der eingängigsten Szenen dazu stammt aus Kathryn Bigelows Film «The Hurt Locker», als ein US-Soldat aus dem Irak heimkehrt und im Supermarkt an der schier endlosen Auswahl an Frühstücksflocken verzweifelt.

Dank der amerikanischen Marktforschung wissen wir ja auch, dass die ideale Vielfalt «drei» ist. Klein, mittel, gross – nature, Ketchup, Senf.

Genau: Das Paradoxon setzt sich dort fort, wo die Leute die Auswahl selbst dann nicht eingrenzen wollen, wenn sie bereits darunter leiden. Alle ächzen unter den vielen abonnierten Newslettern, aber niemand bestellt sie ab: Alle fürchten, etwas zu verpassen. Das Fomo-Phänomen (Fear of missing out) nutze ich inzwischen in der Akquise gezielt aus. Auf erste Kontaktanfragen antwortet ja niemand sogleich, weil alle finden: Der Hogenkamp meldet sich in ein paar Tagen wieder, der hat mit Sicherheit irgend so ein Wiedervorlagesystem. Inzwischen schreibe ich nach einiger Zeit, etwas passiv-aggressiv: «Wir haben jetzt drei Möglichkeiten: a) Wir treffen uns zu einem Meeting. b) Ich melde mich später nochmals, und Sie sagen mir, wann. Oder c): Ich lösche Ihre Adresse, und Sie hören nie wieder von mir.» – Das ist der Moment, in dem die Leute antworten. Sie wollen nicht riskieren, nie zu erfahren, was ich ihnen angeboten hätte.

Tags: Digitalisierung, Interview, Technologie, Trends

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