2/2018

Den «Samen» der Kreativität nicht vor der Sonne stehen

Unsere Wirtschaft lebt von Innovation und Unternehmertum. Startups brauchen indes Zeit, um kreative Ideen erfolgreich kommerzialisieren zu können. Gesetzliche Auflagen und Paragraphen können das Unterfangen im Keim ersticken. Recherchen zeigen, dass sich die Schweiz in Sachen Regulation zwischen «progressiv» und «rückständig» bewegt.

Die Elios-Industriedrohne wurdein der Schweiz entwickelt. Sie dient der Erkundung unwegsamer Umgebungen. Photo courtesy of Flyability

In Lausanne herrscht Flugwetter: Keine andere europäische Stadt strahlt auf Unternehmen der rasant wachsenden Drohnenindustrie eine derart hohe Anziehungskraft aus. Ein wichtiger Grund ist die École polytechnique fédéreral Lausanne (EPFL), zu Deutsch ETH Lausanne. Etliche technisch versierte Akademiker aus aller Welt eignen sich hier fast im Akkord das Fachwissen an, welches zur Weiterentwicklung der intelligenten Flugobjekte so dringend gesucht ist.

Kommt dazu, dass die Nähe zur Uhrenindustrie und einer Vielzahl innovativer Technologieunternehmen in der ganzen Romandie für Lausanne den perfekten Nährboden schafft, anderen Standorten in der Drohnenentwicklung einen Schritt voraus zu sein.

So haben sich etwa die Lausanner Firmen Sensefly und Pix4D in den letzten Jahren als weltweite Marktführer für Vermessungsanwendungen mit kleinen Drohnen etabliert. Zahlreiche lokale Startups eifern diesem Erfolg nach.

Besonders viel versprechend entwickelt sich die 2014 gegründete Firma Flyability . Sie hat erstmals eine Drohne mit korrosionsresistenter Aussenhülle entwickelt, die dereinst zum Beispiel für Rettungsarbeiten eingesetzt werden kann. Gründer und CEO Patrick Thévoz ist zuversichtlich, in Lausanne auf die notwendigen Spezialisten zur Entwicklung einer kommerziell erfolgreichen Zukunft zurückgreifen zu können.

Die EPFL allein macht Lausanne indes noch nicht zur Drohnen-Metropole. Dass die Stadt in der Schweiz liegt, ist ebenfalls ein gewaltiger Wettbewerbsvorteil. «Unser Land ist dem Drohnenmarkt freundlich gesinnt und in Sachen Regulation daher ziemlich liberal», sagt Patrick Thévoz. Die Behörden seien offener gegenüber Technologie und neuen Entwicklungen als in anderen europäischen Ländern, wo der Papierkrieg schon für Testflüge teils enorme Ausmasse annehme. Natürlich unterliege die Drohnenindustrie aufgrund ihrer Präsenz im öffentlichen Luftraum ganz grundsätzlich einem relativ ausführlichen Regelkatalog. «Wir spüren in der Schweiz aber eine wohlwollende und unterstützende Haltung von Seiten des Staats, was die Planungs- und Kostensicherheit enorm erhöht», so Thévoz.

Teilweise Selbstregulierung in der Blockchain-Industrie

Als «Principle-Based» wird die hiesige Regulierung auch von einer anderen Jungunternehmerin bezeichnet, die sich zum Aufbau ihres Startups in einem globalen Zukunftsmarkt ebenfalls für die rechtliche Eintragung in der Schweiz entschieden hat. Olga Feldmeier möchte mit ihrer Firma Smart Valor den Blockchain-Markt aufmischen.

Olga Feldmeier
Olga Feldmeier, CEO Smart Valor. © RnD photography

Unter «Principle-Based» versteht sie, dass der Staat hierzulande nicht alles bis ins kleinste Detail vorschreiben wolle, sondern richtungsweisend und mit Augenmass agiere, das mögliche volkswirtschaftliche Potenzial von Startups stets im Blickfeld. «Dieser Ansatz, den die wenigsten anderen Länder so verfolgen, erlaubte es etwa, 2016 mit der Finanzmarktaufsicht (Finma) eine Einigung im ‹Fall Xapo› zu erreichen und den weltweit grössten Bitcoin-Verwalter in die Schweiz zu bringen.»

Da sich die Blockchain-Industrie in ihrer frühen Entwicklungsphase befinde, sei jede unnötige Regulation zu vermeiden. «Man muss der Branche die Möglichkeit lassen, sich entwickeln und dadurch laufend verbessern zu können», so die Überzeugung von Olga Feldmeier. Auch dürfe man nicht vergessen, dass alteingesessene Finanz- und IT-Player treibende Kräfte dieser Teilindustrie seien. Dadurch werde der Markt auf eine gesunde Art teilweise selbstreguliert.

«Trotzdem dürfen die Risiken natürlich nicht ganz ausser Acht gelassen werden», räumt die Jungunternehmerin ein. Sie begrüsst es, dass verschiedene Akteure die Blockchain-Industrie in der Schweiz organisieren und «im vernünftigen Mass» regulieren. Anfang 2018 hat etwa die Finma eine verbindliche Wegleitung veröffentlicht, wie auf Basis der Blockchain-Technologie in digitaler Form öffentliches Kapital für unternehmerische Zwecke beschafft werden darf. Mit im Boot sind neben Repräsentanten von Grossinvestoren auch eine Taskforce des eidgenössischen Finanzdepartements sowie verschiedene spezialisierte Rechtsberater.

Schnittstellen zu Wirtschaft und Wissenschaft gefordert

Vom Bund in periodischen Abständen zu Regulierungsfragen im Bereich «Cyber Security» konsultiert wird zum Beispiel Urs Gasser. Der in Solothurn geborene Rechtswissenschaftler ist Professor an der Harvard Law School und leitet dort das Berkman Klein Center for Internet & Society . «In der Schweiz wird Recht nicht nur als Instrument eingesetzt, das sagt, was man nicht darf, sondern auch als Garantie für Freiheit und Entfaltung gesehen», lautet auch seine grundlegende Überzeugung.

Gleichwohl müsse man in jüngerer Vergangenheit in bestimmten Bereichen leider von einer Überregulierung sprechen. Namentlich fordert Gasser zum Beispiel Nachbesserungen im Datenschutzrecht, wo die Schweiz aus seiner Sicht aktuellen technologischen und marktlichen Entwicklungen, Stichwort «Big Data», noch hinterherhinke. Verschiedene offene Fragen ortet der Rechtswissenschaftler auch im Wettbewerbsrecht und verweist dabei vor allem auf den Umgang mit neuen digitalen Plattformen. «Die Behörden brauchen hier zwingend noch mehr gute Schnittstellen zu Wissenschaft und Wirtschaft, um Trends frühzeitig erkennen und Knowhow austauschen zu können.»

Mehr Mut zum Experiment erwartet Gasser in diesen Fragen vom Regulator. Positive Beispiele wie die aktuelle «Krypto-Offensive» oder die Einführung eines bewilligungsfreien Raums («Sandbox-Regulierung») für Anbieter von innovativen Finanztechnologien (Fintech) geben aus seiner Sicht den richtigen Weg vor. In Zukunft sollen nicht mehr nur Startups aus der Fintech- und Blockchain- oder Drohnenbranche ihre kreativen Ideen unter verbesserten Rahmenbedingungen vorantreiben können, sondern auch alle anderen Entwickler von digitalen Geschäftsmodellen. Es brauche dazu zwingend neue Konzepte, um die entsprechende Lernfähigkeit von Recht und Regulierung kontinuierlich sicherstellen zu können, ergänzt Urs Gasser. «Diesbezüglich herrschst institutionell auf jeden Fall Nachholbedarf.»

Pensionskassengelder mehr vorwärtsgerichtet nutzen

Markantes Verbesserungspotenzial bei der staatlichen Wirtschaftsförderung ortet auch eine prominent besetzte Gruppierung von ehemaligen und aktiven Schweizer Unternehmern, Wissenschaftlern und Politikern, die sich im Rahmen der Stiftung Zukunftsfonds Schweiz für bessere Startchancen von Jungunternehmen einsetzen. In erster Linie geht es der Stiftung darum, steuerliche Hindernisse für Startups abzubauen und gleichzeitig Buchungsvorschriften aufzuheben, die Venture-Kapital-Investitionen durch Pensionskassen erschweren.

An vorderster Front für den Unternehmernachwuchs weibelt der heute 82-jährige Henri B. Meier, ehemaliger Weltbank Divisionschef, Roche-Finanzchef und Biotechunternehmer, dazu überzeugter Startup-Förderer sowie Stifter einer Professur für finanzielle Unternehmensführung an der Universität Basel und der Unternehmerschule der Universität St. Gallen (HSG).

Der Mentor des Zukunftsfonds Schweiz kritisiert, dass gerade innovative und zukunftsorientierte Startups, die entsprechend viel Kapital und eine lange Investitionszeit beanspruchen, steuerlich meist benachteiligt würden. «Bevor sie überhaupt loslegen können, müssen sie einen Teil ihres ‹Samens› respektive Startkapitals als Stempelsteuer nach Bern schicken.» Dazu kämen infolge des benötigten Kapitals in vielen Kantonen Vermögenssteuern obendrauf. «Dies hat zur höchst unbefriedigenden Situation geführt, dass die meisten Fonds mit Ersparnissen aus der Schweiz heute im Ausland gegründet werden.»

Die steuerliche Entlastung der kreativen Jungwirtschaft haben sich Henri B. Meier und seine Mitstreiter des Zukunftsfonds Schweiz ebenso auf die Fahne geschrieben wie einen möglichst raschen Abbau von bürokratischen Vorschriften, die in den letzten Jahren förmlich explodiert seien. «Auf zehn Angestellte brauchen KMU heute einen elften, der die ganzen anfallenden Formulare ausfüllt.»

Das grösste Potenzial für die Erhaltung des Schweizer Lebensstandards sieht der hocherfahrene Ex-Manager und -Unternehmer indes in der Errichtung eines potenten Zukunftsfonds mit Hilfe von Pensionskassengeldern. Einiges an Überzeugungsarbeit wurde schon geleistet. «Die Erkenntnis, dass die Schweiz Intermediäre für Risikokapital braucht, ist mittlerweile recht weit verbreitet», sagt Henri B. Meier.

Ebenso die Erkenntnis, dass Venture-Capital-Gesellschaften als Intermediäre von Risikokapital entscheidend sind für die Förderung von Innovation und Wachstum in einem Land. Er lobt diesbezüglich die USA, wo Erfolgsgeschichten wie Google, Facebook und Co. unter anderem möglich geworden sind, weil die nationalen Pensionskassen heute rund fünf Prozent ihres Vermögens in Venture Capital (Risikokapital) investieren. «Würden die schweizerischen Pensionskassen dasselbe tun, könnten bis in 25 Jahren rund 40 Milliarden Franken Risikokapital geäufnet und zur Förderung der Startup-Wirtschaft gebraucht werden.»

Einen Teil davon könnte sicherlich die Drohnenbranche gebrauchen, die ebenso in der Startphase ihrer Entwicklung steckt wie etliche weitere Industrien, die sich in technologisches und digitales Neuland vorwagen. Auch was gesetzliche Auflagen betrifft, steuern die Fluggeräte aktuell auf mehrere grosse Herausforderungen zu. Einerseits geht es um Bestimmungen im Zusammenhang mit dem Drohneneinsatz über dicht besiedelten Gebieten, anderseits um autonome Flugeinsätze ausserhalb der Sicht- und damit Kontrolldistanz von Menschen. Hier sind verbindliche Regelungen und Gesetze rund um Sicherheit und Haftung notwendig, um dereinst zum Beispiel Paketlieferservices via Drohnen kommerziell betreiben zu können. Patrick Thévoz sitzt bei den aktuellen Verhandlungen mit den Behörden nicht in der ersten Reihe, weil seine Flyability-Drohnen vorderhand nur indoor eingesetzt werden. Von seiner Lausanner Branchenkollegen vernimmt er indes, dass die Gespräche kooperativ verlaufen.

  • Robert Wildi
  • Text

Tags: Innovation, Recht, Technologie, Trends

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