4/2018

Der Ausreisser

Richard Chassot war von 1994 bis 1999 als Schweizer Radrennfahrer aktiv. Heute ist er Direktor der Tour de Romandie, eines Radrennens, das über mehrere Etappen durch die Westschweiz führt. Eine Begegnung mit einem grossartigen Enthusiasten, der nur darauf wartet, wieder in die Pedale zu treten.

Was macht eine gute Führungskraft aus?

Ich komme aus einer komplexen Sportart, einem Einzelsport, der im Team ausgeübt wird – und wo die Anforderungen an eine Führungsperson immer wieder ändern. Im Generellen glaube ich, dass ein guter Leader vorbildlich, begeistert und loyal sein sollte. Als kleiner Junge war ich Fan von Eddy Merckx, dem «Kannibalen», einem unglaublichen Leader, der alles gewann. Er war der Favorit, ganz hoch oben, aber er hat verstanden, dass er ohne sein Team nichts ist. Und er hat seinen Teammitgliedern viel zurückgegeben und sie sogar gelegentlich gewinnen lassen! Demut und die Wertschätzung der Arbeit der anderen sind wichtige Werte.

«Demut und die Wertschätzung der Arbeit der anderen sind wichtige Werte.»
Welche Erfahrungen haben Ihr Führungsverständnis massgeblich geprägt?

Ein Radprofi fährt an 100 Tagen pro Jahr Rennen. Wenn er einmal, zweimal – oder wie die besten Fahrer zehnmal – gewinnt, dann ist das schon sehr gut. Das heisst, es fühlt sich nicht so an, als ob man ständig scheitert, aber man ist schon immerzu darauf fokussiert, besser zu werden; man steht doch sehr oft unter einem gewissen Druck, noch mehr zu leisten. Und selbst wenn man gewinnt, gibt es immer Dinge, die verbesserungswürdig sind. In der Führung ist es genau so, man lernt aus Misserfolgen, aber auch aus Erfolgen. Ich habe mir im Sport vor allem aus den Niederlagen eine Hartnäckigkeit angeeignet, aber das alleine reicht nicht aus, um ein Leader zu werden. Dafür muss man fähig sein, dieses Gefühl des Unbedingt-gewinnen-Wollens auch an andere in seinem Team weitergeben zu können.

Gibt es einen «schweizerischen» Führungsstil?

In der Schweiz mögen wir Leader, aber sie dürfen nicht zuviel Platz einnehmen, sonst stören sie uns. Anders als in den USA geht es nicht darum, sich so viel wie möglich zu zeigen, sondern führen zu können, dabei aber diskret zu bleiben, um seine Glaubwürdigkeit zu wahren.

Der Wille zur Demokratie ist hier sehr stark. Das Volk wird alle zwei Wochen zur Urne gebeten, nicht nur, wenn Wahlen sind. Und weil wir Schweizer gewohnt sind, über alles abzustimmen und zu allem unsere Meinung zu äussern, wirkt sich das auch auf die Geschäftswelt aus. Es ist daher wichtig, seine Mitarbeiter in Entscheidungen, die das Unternehmen betreffen, miteinzubeziehen. Gleichzeitig sind die Leute daran gewöhnt, das Ergebnis der Wahl zu akzeptieren und den gemeinsamen Entschluss zu vertreten, um Projekte zusammen voranzubringen.

«Leadership – The Swiss Way» ist der Titel der Jubiläumsaktion zu 125 Jahren SKO. Weitere Porträts von Schweizer Führungspersönlichkeiten finden Sie auf www.swissleaders.org

  • Nicolas Dhers
  • Text

Tags: Interview, Leadership, Persönlichkeit

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